Bahaitum

Nach den Lehren des Bahaitums entzieht sich das Leben nach dem Tod dem menschlichen Verständnis, so wie ein Fötus in der Gebärmutter die Außenwelt (noch) nicht erfassen kann. Die Bahai-Schriften beschreiben die Seele als unsterblich; sie werde sich weiterentwickeln, bis sie Gottes Gegenwart erreicht habe. Nach dem Bahai-Glauben behält die menschliche Seele nach dem Tod des Körpers ihre Individualität und ihr Bewusstsein und kann die Seelen anderer Verstorbener wiedererkennen und mit ihnen auf einer geistigen Ebene kommunizieren.

Nach den Bahai-Schriften wird die menschliche Seele nach dem körperlichen Tod den Wert ihrer eigenen Taten erkennen und kann die Folgen ihrer Taten überblicken. Es wird erwartet, dass jene Seelen, die sich Gott zugewandt haben, Freude erfahren werden, während sich diejenigen, die sich in ihrem Irrtum verstrickt haben, ihrer verpassten Möglichkeiten bewusst werden. Außerdem können sie die Errungenschaften derer, welche die gleiche Stufe erreicht haben, erkennen, nicht jedoch diejenigen der Seelen, die eine höhere Entwicklungsstufe erreicht haben.

Baha’ullah schreibt dazu: „…Es ist klar und einleuchtend, daß alle Menschen nach ihrem leiblichen Tode den Wert ihrer Taten abschätzen und alles erkennen werden, was ihre Hände bewirkt haben. Ich schwöre bei der Sonne, die über dem Horizonte göttlicher Macht strahlt! Wer dem einen, wahren Gott folgt, wird, wenn er aus diesem Leben scheidet, unbeschreibliche Freude und Fröhlichkeit empfinden, während jene, die im Irrtum leben, von Furcht und Zittern ergriffen und von einer Bestürzung erfüllt sein werden, die nichts übertreffen kann. Wohl dem, der durch die gnädige Gunst und die mannigfaltigen Wohltaten des Herrn über alle Bekenntnisse den erlesenen, unverderblichen Wein des Glaubens getrunken hat.“ (Quelle: Ährenlese aus den Schriften von Baha’ullah 86:4)

Buddhismus

Buddha Siddhartha Gautama übernahm aus dem Hinduismus die Lehre einer Kette von Wiedergeburten. Jedoch kennt der Buddhismus kein Konzept einer Seele und lehrt eine Wiedergeburt ohne Seelenwanderung durch bedingtes Entstehen. Die Kette der Wiedergeburten bedeute Leid, das erst am Ende dieser Kette in einem Zustand der Nicht-Existenz ende: jeder Mensch werde zunächst immer wieder in diese Welt geboren, da er sich ohne Erleuchtung nicht von seinem Lebensdurst lösen könne. 

Da Leben notwendigerweise auch Leiden bedeute, ist es das Ziel eines Buddhisten, emotionale Bindungen an die Welt zu überwinden und nicht an Leidenschaften gefesselt zu sein. So könne das Nirwana, das Ende der Wiedergeburten, erlangt werden. Buddha hat es der Überlieferung gemäß abgelehnt, über ein Leben nach dem Tod zu sprechen, weil es nicht zum Loslassen und zum inneren Frieden führe, sich mit dieser Frage zu beschäftigen.

Überliefert sind als Schlüsselworte über die unumkehrbare Vergänglichkeit von Strukturen (von „Zusammengesetztem“): „Hab ich denn das, Anando, nicht vorher schon verkündet, dass eben alles, was einem lieb und angenehm ist, verschieden werden, aus werden, anders werden muss? Woher könnte das hier, Anando, erlangt werden, dass was geboren, geworden, zusammengesetzt, dem Verfall unterworfen ist, da doch nicht verfallen sollte: das gibt es nicht.“

Zen-Buddhismus

Im Zen ist der Tod ein Aspekt des Lebens. Es gäbe nichts zu erreichen, also auch keine Wiedergeburt und keine Unsterblichkeit. Leben und Tod sind für den Zen-Buddhismus gleichberechtigte Konzepte, die auf einem eingegrenzten Bewusstsein basieren. Ewiges Leben sei das Bewusstsein selbst. Diese Wirklichkeit konkret zu erfahren, sei der Weg des Zen. Für den Erleuchteten ist die Vorstellung eines Todes als eines tristen Endes eine „Ungeheuerlichkeit“ (Willigis Jäger).

Tibetischer Buddhismus

Im Tibetischen Buddhismus glaubt man an einen Zwischenzustand (Bardo), der im Todesmoment beginne und mit der nächsten Inkarnation ende, sofern jemand dem Kreislauf der Wiedergeburten noch nicht entronnen sei. Eine ausführliche Darstellung findet man im Bardo Thödröl aus dem 8. Jahrhundert, in deutscher Sprache Tibetisches Totenbuch genannt. Hier wird die Wissenschaft vom Tod als die Grundlage für die Kunst des Sterbens bezeichnet.

Der Verstorbene sehe im Todesmoment das helle Licht der Weisheit, durch welches er zur Buddhaschaft gelangen kann. Es gebe verschiedene Gründe, warum Verstorbene diesem Licht nicht folgen. Manche hätten keine Unterweisung über den Zwischenzustand in ihrem früheren Leben. Andere seien es seit langem gewohnt, nur ihren tierischen Instinkten zu folgen. Und einige hätten Angst vor dem Licht. Dies sei eine Folge von schlechten Taten, Verblendung, hartnäckigem Stolz, gebrochenen Gelübden oder geringer Vertrautheit mit Tugendhaftem.

Im Zwischenzustand könnten Strömungen aus dem Unbewussten aufsteigen, die extreme Stimmungen oder Visionen auslösen. Es sei wichtig zu erkennen, dass einschüchternde Visionen nur Reflexionen der eigenen, inneren Gedanken sind. Man könne nicht verletzt werden, da man keinen materiellen Körper habe. Im Zwischenzustand solle man tugendhaft sein und eine positive Haltung annehmen.

Die Verstorbenen bekämen Hilfe von unterschiedlichen Buddhas, die ihnen einen Weg zur Buddhaschaft aufzeigten. Diejenigen, welche dem Weg nicht folgen, bekämen Ratschläge für eine bessere Wiedergeburt. Zunächst müssten sie sich von Anhaftungen aus ihrem vorigen Leben lösen. Es wird empfohlen, für die Wiedergeburt eine Familie zu suchen, in der die Eltern großes Vertrauen in den Dharma besitzen. Der Wille solle darauf ausgerichtet sein, bei der Inkarnation zum Wohle aller Wesen zu wirken. So wachse man zur Erleuchtung.

Volksreligiöse Vorstellungen

Für die Swanen, ein georgisches Bergvolk, ist der Tod lediglich durch eine „dünne Wand“ vom Leben getrennt. Sie glauben, dass ihre verstorbenen Angehörigen sich um das Seelenheil der noch Lebenden kümmern. Ebenso kümmern sie sich um das Seelenheil ihrer Verstorbenen. Diese „Wand-Metapher“ lässt sich besonders gut an den swanischen Sakralbauten ablesen.

Auf den Innenwändern vieler swanischer Kirchen sind – wie in anderen Religionen auch üblich – Heilige zu sehen, wohingegen auf der Außenseite weltliche Persönlichkeiten – wie z. B. Könige – abgebildet sind. Gottesdienste werden in Swaneti zumeist außen an der Kirche abgehalten, statt in ihr. Der Raum innerhalb der Kirche ist den Seelen der Verstorbenen vorbehalten. Der Höhepunkt der Erinnerung an die Verstorbenen und die Ehrung derer Seelen ist das jährlich stattfindende Lipanali-Fest.