Wanzen auf einem Bild aus Wasserfarben?

Ein Bild aus dem indianischen Schamanismus

Vielleicht eine etwas sehr bildhafte, gezeichnete Möglichkeit unseren Lebensversuch darzustellen, ist folgende Geschichte aus der Welt des indianischen Handwerks. Wenn wir in diese, unsere Welt hineingeboren werden, ist da bereits das Gerüst unseres Lebens Tipis aufgebaut, sozusagen die Rippen eines riesigen Zeltes, vor dem wir winzig klein und staunenden Auges stehen. Diese Gesamtheit des Bildes können wir jedoch nur in den ersten Phasen unseres Daseins erfassen, die Gerüststangen dienen uns als Haltegegriffe, an denen wir uns in das gesellschaftliche Leben hangeln.

Wanzen auf der Zeltleinwand?

Bilder vervielfältigen sich

Und dieses, von der Gesellschaft errichtete Gerüst, beginnt sich nun, mit jedem noch so winzigen Lernfortschritt, in rasender, sich noch potenzierender Geschwindigkeit, mit Leinwandfetzen, auf denen vage Bilder zu erkennen sind, zu bedecken. Als ob eine unsichtbare Hand (es sind unsere Gedanken) das Stangengerüst eines Zeltes, vorher noch deutlich erkennbar, mit losen und auch zusammengenähten Stofffetzen bedecken würde.

Zelt des Lebens

So steht denn am Ende das Zelt unseres Lebens, bemalt in größtenteils ausgesprochen düsteren, dunklen Farben, alles Licht, für das was sich im Inneren befindet, absorbierend, in seiner nicht fassbaren Größe vor uns. Die Gerüststangen, die uns als Halt dienen, um zum nächsten Bild, zum nächsten Leinwandstück zu klettern, sind hinter eben diesen nur noch zu ahnen. Doch wir steigen hinauf, streben nach oben. Klettern weiter, auch wenn die Anordnung der Gerüststangen uns nicht immer den richtigen Weg zu weisen scheint. Auf zum nächsten Bild. Denn das Äußere unseres Lebenszeltes interessiert uns, nicht das, was das Ego mit diesem Gerüst zu verbergen beginnt.

Träume
Träume

Auf der Suche nach dem großen Geheimnis

Mehr noch, wir wissen, dass es da ein Geheimnis gibt. Doch wie Ameisen, Wanzen, die nun an dieser Außenhaut des Zeltes, mit ihren vielen Bildern, hoch laufen, um zum süßen Inneren zu gelangen, den Eingang vermutet man irgendwo in den gemalten Geschichtlein, die sich allesamt als mit Wasserfarbe gemalt herausstellen, beim nächsten Regen verschwinden, können wir uns nicht vorstellen, dass dies nur die Schicht über dem Gerüst ist. So irren wir durch die Welt, immer auf der Suche nach dem Inneren, von dem wir uns immer weiter entfernen.

Die wahren Weisen

Manch einer, es sind nun beileibe nicht allzu viele, erkennt sogar, dass wir nur wie die Insekten auf diesen Bildern laufen, sieht oder ahnt zumindest die Gerüststangen, oder Teile davon oder Anzeichen dafür. Das sind die wahrhaft Weisen dieser Welt, und sie werden für ihr Wissen hoch geehrt. Viele von diesen versuchen nun, dieses wertvolle Verstehen , nahezu verzweifelt, weiter zu geben. Andere verschwinden ganz im Inneren.

Rückkehr unmöglich

Wir, die wir ahnungslos sind, sehen uns, ganz unversehens, auf mittlerer Höhe des, mit von uns und der Gesellschaft bemalten Leinwandfetzen bedeckten Gerüsts, angelangt. Blicken wir nach unten, wird uns schwindelig. Eine Rückkehr, ein Abstieg scheint ganz unmöglich. Abgesehen davon sind die Sprossen verschwunden. Nur noch Gedankenbilder in unserem Kopf. Die allermeisten von uns Wanzen krabbeln nun weiter, jedes Pixel der Bilder ein Hindernis, mehr zu sehen, das Ganze zu sehen. Das Zelt verjüngt sich bis zum Rauchabzug, wir klettern über den Rand – und fallen in das Innere.

Kreislauf des vergeblichen Suchens

Und wir werden wieder vor dem Gerüst dieses ewigen Zeltes erwachen, erneut unseren Anstieg über die Bilder beginnen, bis hin zum Schlot. Das scheint der Kreislauf zu sein. Der große Geist aber, so sagen die alten indianischen Schamanen, ist von großer Liebe. So lässt er jedes einzelne der kleinen Geschöpfe in seiner Obhut irgendwann auf dieser Reise erkennen, dass Bilder, Gerüst, das ganze Zelt, nur ein Traum sind, den wir, am Lagerfeuer beschützt im Warmen sitzend, träumen.

Fazit

Die Wahrheit ist, wir sitzen am Lagerfeuer der Liebe, warm eingehüllt, sind die weite Prärie, sind der funkelnde Nachthimmel, sind jede einzelne Flamme, sind der große Geist selber.
„Einst träumte ich, ich sei ein Schmetterling, der aus einer Raupe gewachsen, taumelnd in die Freiheit flog. Nun weiß ich nicht, bin ich der Mensch, der träumte ein Schmetterling zu sein – oder bin ich der Schmetterling, der träumt, ein Mensch zu sein?“

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