Der Raum des Vertrauens

Die Begriffe „Vollkommen“ und auch „Vertrauen“ . Beides Wörter, die ein ungewisses Gefühl letztendlichen Zweifels über ihren wirklichen Wahrheitswert auf kommen lassen. Denn: Was könnte schon wirklich vollkommen sein, was wirklich vertrauenswürdig? Wir kennen das System, wir kennen die Gesellschaftslogik, wir kennen uns selber. Wir wissen: Im vollkommen Vertrauen können Gegensätzlichkeiten nicht existieren.

Nichtsdestotrotz, ist unsere klares Endziel auf dem Weg unseres Daseins, ein absolutes Vertrauen in die Erde, die Schöpfung, die Einheit der Universen. Der Buddhismus und viele andere wahrheitlichen Richtungen der Religionsphilosophie zeigen den Weg, der Im Buddhismus so hervorragend beschrieben ist — er führt über Selbstliebe, Achtsamkeit, Mitgefühl zur Wirklichkeit. Und wer sich diese „Sache“ verinnerlicht, derartiger Hilfe der Liebe gewiss, der rückt näher an diesen Zustand des alla,fassenden Vertrauens. Wir erkennen es als Ziel.

Es mag ein Dasein oder länger dauern, bis die Seele sich an die Liebe erinnert, die sie verkörpert. Die Bewusstheiten, die den Weg verinnerlicht haben, legen ihr höchstes Streben darein, dieses Vertrauen in sich selbst, die Schöpfung, also die tatsächliche Wirklichkeit, zu spüren. Jeden Tag wieder, sich selbst gegenüber, dieser Güte des vollkommen und mehr als überaus berechtigtem Vertrauens in die Liebe der Schöpfung, zu verinnerlichen.

Wie der Mönch jeden Tag die Klostergänge fegt, so ist es notwendig, seinen Geist jeden Morgen in die Klarheit zu richten. Der Pfad scheint oft rätselhaft, voll Leiden, ständig ist der „Egoanteil des Geistes, mit größtem Einsatz, damit beschäftigt, scharfkantige Felsen in den Weg, der sich in der Richtung zur Erkenntnis befindenenden, zu rollen. Hier ist die Achtsamkeit unser rettendes Werkzeug. Die Methode, das Angestrebte, ist es, der Schöpfungsliebe ,in größtmöglichem Umfang an Vertrauen, die Führung zu überlassen.

Es geht dabei keineswegs um eine Lebenslethargie, das ist kein Nichtstun, kein „Aufgeben“ in herkömmlichem Sinne. Es ist hier vielmehr von diesem, alles überragenden, „Abgeben“ alter Lasten, die Rede. Dieses Vertrauen in die göttliche Führungmeint das ausmerzen aller Wenns, hätte, könnte , müsste, sollte. Aller Konjunktive. Es geht um das rechte Reden, es geht um seine persönliche, verinnerlichte Persönlichkeit – die die Lehren des Buddhas lebt. Sie vertraut mit aller Macht in die „Schöpfungsliebe.

„Eines winterlichen Abends wurde der eisverkrustete Fellvorhang vor der Erimitage des uralten, ehrwürdigen Mönches Han , er meditierte und lebte einer kleinen Höhle in den Bergen, wurde dieser Vorhang sanft zur Seite gedrückt, sanft zur Seite geschoben. Im leisen Flackern des kleinen Feuers erblickte der Mönch Han das bärtige Gesicht eines Freundes, des Abtes eines entfernten Klosters. Schon seit ihrer Kindheit dauerte ihre Freundschaft, gingen denselben Weg, auf unterschiedliche Art und Weise.

Einladend Nachdem der überraschende nächtliche Besuch seinen schweren Ledermantel aus Fell abgelegt hatte, wies der Gastgeber auf die freie Stelle an der Ofenstelle, bot schweigend lächelnd eine Tasse dampfenden Kräutertees an. Eines Weile saßen sich die beiden alten Männer schweigend an, jeder die Gesichtszüge, die Augen des anderen betrachtend. Schließlich brachen sie in ein befreiendes Gelächter, klopften sich, sich umarmend über der kleinen Glut, die Schultern.

Schließlich meinte Han, jedes unnötige Vorgeplänkel hinweg nehmend:,
“ Ein weiter Weg, der dich durch die Berge in dieser Kälte zu mir geführt hat. Ich bin gespannt. Wie ist Dein Anliegen, werter Abt?“

Der greise, fast weißhaarige Klostervorsteher seufzte aus tiefster Seele, während der Mönch Han, die Hände gefaltet, im Lotossitz verharrte, die Augen halb geschlossen, konzentriert, aufmerksam. Lange Sekunden verronnen. Endlich die Stimme des Abts.

„Mein Lieber Han! In langen Nächten bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich ein komplettes, alles umschließendes Vertrauen in die Schöpfungsliebe nicht zustande bringe.“

Er blickte den schweigenden Han flehentlich an.

„Du allein weißt, in welchem Umfang ich mich die letzten Jahrzehnte bemüht habe. Ich gehe durch und durch den Weg Buddhas. Doch möchte ich ihm mein vollständiges, absolutes Vertrauen anbieten, so fühle ich deutlich, dass in irgendeiner Art und Weise ein kleines Stück dieses Vertrauens nicht berührt wird. Es möchte sich nicht geben lassen.“

Han nickte nachdenklich, nahm, die Teetasse mit beiden Händen umgreifend, einen kleinen Schluck.

„Mein herzensguter Freund! Alles, außer der Liebe, zeigt sich in Partitionen, zusammengesetzt. Das Eine bedingt dabei das andere. Nur die Liebe ist wahre Leere – alles andere benötigt Impuls. Es wird ein Anlass, ein Grund, ein, wenn noch so kleiner, Anteil des Gegenteiligen benötigt, um es überhaupt in die wahrnehmende Realität zu schieben. Wahre Reinheit ist tatsächlich unsichtbar.

Die absolute Wahrheit, die letzte Offenbarung, sie ist in dieser Welt nicht zu sehen – sie bleibt dem erfahrenden Geist – wenn er denn auch seinen Körper verlässt. Nur das „Eingehen“ in die vollkommene, tatsächliche absolute Freiheit, die Vereinigung mit der bedingungslosen Liebe aller Universen, die lediglich des Einsseins mit der Schoepfung in „natürlicher“ Form gleich kommt, ist die letzte Wirklichkeit, lässt sie wahrhaftig erkennen. Das ist mit körperlicher Wahrnehmung nicht möglich.

Wozu der Mensch aber in der Lage ist, ist, sich diesem Rätsel hautnah zu nähern – will meinen, sein Leben den Prinzipien des Buddha entsprechend zu führen, vergeistigt den Körper als Illusion, als Teil aller Formen des Selbst zu erkennen – das ist das Nirwana, wie er es wahrnehmen kann – auf Erden zu verwirklichen. Dies ist der Pfad, den ungezählte Geister tun, den grosse Meister verkündendeten – der hoch erhobenen Geistes gewanderte Weg zur Essenz des Daseins.

Auch wenn die vollkommene Sinnhaftigkeit des Pfad des Buddhas ohne weiteres zu erkennen ist, seine Lehren sehr deutlich und einfach sind, ist es nur einigen bestimmt, wirklich Erleuchtung auf Erden, in der „historischen Dimension“ des Buddhismus, zu finden. „Du, Suchender, lieber Klostervorsteher, sagst, ein letzteres Gefühl des alldurchdringenden Vertrauens aber bliebe Dir versagt.“

„Es ist, als ob dieses letzte Quäntchen Vertrauen zur Schöpfungsliebe mich nicht erreichen kann – ich kann es nicht in meinem Herzen fühlen. Ich übergebe alles, lasse alles los, doch scheint es, da würde sich ein winziges Stück nicht einbeziehen lassen.“

Meister Han hörte ihm aufmerksam zu und nickte.

Wir leben in einer Welt der gegensätzlichen Illusionen. Jemand der Wut empfindet, Gier, Mangel … er benötigt immer ein Ziel, einen Grund. Es muss da etwas sein, auf das er wütend ist, es begehrt – sei es auch noch so unscheinbar. Ein Blatt Papier, dass mit einem schwarzen Punkt bemalt ist, kann man nicht mehr weiß nennen.

Das Gegenteil der Tat spiegelt sie in der Wirklichkeit. Gäbe es nichts zu befürchten, hätten wir keine Angst, gibt es keinen Angreifer, muss ich mich nicht verteidigen. Der Gierige aber, der Wütende – sie benötigen einen Resonanzkörper. Die Gier, Wut, muss auf etwas treffen, daran sie sich manifestieren kann. Das ist die Art des dualistischen „Seins“.

Auch Liebe, Fürsorge, Achtsamkeit, benötigen einen Anlass, immer scheint „etwas“ „aus einem Gleichgewicht“ geraten zu sein, welches „Einsatz“ notwendig gestaltet. Und hier, Klostervorsteher, höre die Antwort. Hättest du bedingungsloses Vertrauen bis in das Letzte, würdest du hier nicht mehr existieren. Niemand könnte Dich mehr sehen. Dieses winzige Stückchen „Nichtvertrauen“ , welches du spürst, es ist der Haken, der dich in der sogenannten Realität hält. Akzeptiere es, nimm es als Werkzeug, als Instrument an. Schließe dieses winzige Stückchen „Nichtvertrauen“ liebevoll in Dein „Alles“ ein – es erinnert Dich jede Sekunde daran, was du wirklich bist – Gott im Zentrum.

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