Wir ersaufen in unserem Standpunkt?

Die Quelle der Dinge

Es existieren eine Menge an Worten, die hervorragenden Untergrund bieten, aus Ihnen die Quelle der Dinge herauszufiltern. Sehen wir einmal ab, von den, sicherlich nie zur Gänze in ihrer Pracht beschriebenen, Begrifflichkeiten wie Liebe, Vertrauen, Mitgefühl und der positiven Dinge mehr – greifen wir uns ein „alltägliches“ Wort. Eines, dass in diesem von uns gelebten Denksystem die allergrößte Achtung erfährt. Wir reden über den „Standpunkt“.

Unsicherheit

„Meine Meinung, meine Sicht der Dinge, logische Tatsache, statistisch erwiesen, allen Vermutungen zufolge, nach neuesten Berechnungen, es hat sich erwiesen, Wissenschaftler bestätigten …“ Merken Sie was? Fällt Ihnen auch diese gigantische Unsicherheit auf? Können Sie sie riechen? Da ist nichts, in diesen Formulierungen, was auch nur ein kleines Wenig Halt geben würde. Es gibt keinen festen Punkt.

Archimedes

„Dos moi pou sto kai kino taen gaen!“ „Gib mir einen Punkt, wo ich hintreten kann, und ich hebe die Erde aus den Angeln!“ Archimedes hat es schon geahnt. Was der gute alte Philosoph zu verdeutlichen suchte, ist, weit weg von der Physik, dass keine Begrifflichkeit, kein Wortbild, kein Gedankenbild, – nichts, aus dem wir unsere Sicht der Welt schöpfen – irgendeine wirkliche Realität hätte. Die Wahrheit – sie fehlt schlicht und einfach. Es kann sie nicht geben, in diesem Denken.

Irrsinnige Überheblichkeit

Was Archimedes und nach ihm andere Erleuchtete, in Worte zu fassen sucht, ist die gigantische Überheblichkeit, die – im Sinne der erklärenden Denkstruktur – in dem Wort „Standpunkt“ liegt. Um das zu erkennen, müssen wir dem Standpunkt sozusagen auf den Grund gehen. Wie entsteht ein Standpunkt? Wo kommt er verdammt nochmal her? Ahhh! Natürlich! Da sind Sie, die Menschen, schnell mit einer Antwort dabei. „Das Wissen!“ sagen Sie mit einem triumphierenden Lächeln. „Die Erfahrung!“

Einen Schritt zurück

Dabei verkennen Sie völlig, wie lächerlich diese Aussage tatsächlich ist. Treten Sie einfach mal einen Schritt zurück. So. Nun betrachten Sie sich, als denkender, erzogener, Mensch und das, was Sie zu wissen glauben. Fein. Setzen Sie das Wissen, lediglich dieser Welt, dieses Denksystems, dagegen. Nein! Nicht abhauen jetzt! Schauen Sie sich das an! Und erzählen Sie mir noch einmal etwas über den Begriff „Standpunkt“.

Zwang zu verstehen

Da kommen Ängste auf? Ja. Das, was Sie da jetzt verspüren – ist Ihre Lebensangst. Denn Sie leben in dem ganz unmittelbaren Zwang, verstehen zu müssen, Wissen anzuhäufen, sich adäquat zu verhalten. Und alles was passiert, resultiert aus Ihrem Wissen, dem, was Sie aus dem konstruieren, dass Sie da aus den Informationen, zu denen Sie, in welcher entarteten Form auch immer, Zugang haben, herausgefiltert, und zu einem Bild, einem „Standpunkt“ zusammengesetzt haben. Ihr Wissen ist vollkommen und durch und durch – subjektiv.

Winzigstes Fragment

Und nicht nur das. Es ist lediglich ein allzu winziges Fragment des Weltenwissens in der Dualität. Und, wie alle Elemente in der Dualität, ist es eine Seifenblase, entstanden aus der allerersten Entscheidung, gefällt aus dem freien Willen des Gotteskindes heraus, dass es ein Gut und ein Böse geben kann. Sie können die Größe Ihres Irrtums nicht erkennen. Da wir schon einmal einen Riesen der Antike bemüht haben, soll uns nun ein anderer Vertreter zur Hilfe kommen.

In „Politeia“ erzählt Sokrates seinen Gesprächspartnern Glaukon und Adeimantos, den beiden Brüdern Platons, das Gleichnis von den Gefangenen in der Höhle.

Sokrates beschreibt eine unterirdische, höhlenartige Behausung, von der aus ein rauer und steiler Gang nach oben zur Erdoberfläche führt. Der Gang ist ein Schacht, der in Höhe und Breite der Höhle entspricht. In der Höhle leben Menschen, die dort ihr ganzes Leben als Gefangene verbracht haben. Sie sind sitzend an Schenkeln und Nacken so festgebunden, dass sie immer nur nach vorn auf die Höhlenwand blicken und ihre Köpfe nicht drehen können. Daher können sie den Ausgang, der sich hinter ihren Rücken befindet, nie erblicken und von seiner Existenz nichts wissen. Auch sich selbst und die anderen Gefangenen können sie nicht sehen; das Einzige, was sie je zu Gesicht bekommen, ist die Wand, der sie zugedreht sind. Erhellt wird ihre Behausung von einem Feuer, das hinter ihnen weit oben in der Ferne brennt. Die Gefangenen sehen nur dieses Licht, das die Wand beleuchtet, nicht aber dessen Quelle. Auf der Wand sehen sie Schatten.

Zwischen dem Inneren des Gefängnisses und dem Feuer befindet sich eine kleine Mauer, die nicht so hoch ist, dass sie das Licht des Feuers abschirmt. Längs der Mauer tragen Menschen unterschiedliche Gegenstände hin und her, Nachbildungen menschlicher Gestalten und anderer Lebewesen aus Stein und aus Holz. Diese Gegenstände ragen über die Mauer hinaus, ihre Träger aber nicht. Manche Träger unterhalten sich miteinander, andere schweigen.

Da die bewegten Gegenstände auf die Höhlenwand, der die Gefangenen zugewendet sind, Schatten werfen, können die Höhlenbewohner die bewegten Formen schattenhaft wahrnehmen. Von den Trägern ahnen sie aber nichts. Wenn jemand spricht, hallt das Echo von der Höhlenwand so zurück, als ob die Schatten sprächen. Daher meinen die Gefangenen, die Schatten könnten sprechen. Sie betrachten die Schatten als Lebewesen und deuten alles, was geschieht, als deren Handlungen. Das, was sich auf der Wand abspielt, ist für sie die gesamte Wirklichkeit und schlechthin wahr. Sie entwickeln eine Wissenschaft von den Schatten und versuchen in deren Auftreten und Bewegungen Gesetzmäßigkeiten festzustellen und daraus Prognosen abzuleiten. Lob und Ehre spenden sie dem, der die besten Voraussagen macht.

Nun bittet Sokrates Glaukon sich vorzustellen, was geschähe, wenn einer der Gefangenen losgebunden und genötigt würde, aufzustehen, sich umzudrehen, zum Ausgang zu schauen und sich den Gegenständen selbst, deren Schatten er bisher beobachtet hat, zuzuwenden. Diese Person wäre schmerzhaft vom Licht geblendet und verwirrt. Sie hielte die nun in ihr Blickfeld gekommenen Dinge für weniger real als die ihr vertrauten Schatten. Daher hätte sie das Bedürfnis, wieder ihre gewohnte Position einzunehmen, denn sie wäre überzeugt, nur an der Höhlenwand sei die Wirklichkeit zu finden. Gegenteiligen Belehrungen eines wohlgesinnten Befreiers würde sie keinen Glauben schenken.

Wenn man den Befreiten nun mit Gewalt aus der Höhle schleppte und durch den unwegsamen und steilen Aufgang an die Oberfläche brächte, würde er sich dagegen sträuben und wäre noch verwirrter, denn er wäre vom Glanz des Sonnenlichts geblendet und könnte daher zunächst gar nichts sehen. Langsam müsste er sich an den Anblick des Neuen gewöhnen, wobei er erst Schatten, dann Spiegelbilder im Wasser und schließlich die Menschen und Dinge selbst erkennen könnte.

Nach oben blickend würde er sich erst mit dem Nachthimmel vertraut machen wollen, später mit dem Tageslicht, und zuletzt würde er es wagen, die Sonne unmittelbar anzusehen und ihre Beschaffenheit wahrzunehmen. Dann könnte er auch begreifen, dass es die Sonne ist, deren Licht Schatten erzeugt. Nach diesen Erlebnissen und Einsichten hätte er keinerlei Bedürfnis mehr, in die Höhle zurückzukehren, sich mit der dortigen Schattenwissenschaft zu befassen und dafür von den Gefangenen belobigt zu werden.

Sollte er dennoch an seinen alten Platz zurückkehren, so müsste er sich erst wieder langsam an die Finsternis der Höhle gewöhnen. Daher würde er einige Zeit bei der dort üblichen Begutachtung der Schatten schlecht abschneiden. Daraus würden die Höhlenbewohner folgern, er habe sich oben die Augen verdorben. Sie würden ihn auslachen und meinen, es könne sich offenbar nicht lohnen, die Höhle auch nur versuchsweise zu verlassen. Wenn jemand versuchte, sie zu befreien und nach oben zu führen, würden sie ihn umbringen, wenn sie könnten.

Fazit

Bevor ich gelyncht werde, beende ich diese Betrachtung. Was vollkommen klar ist, wer sich mit diesem Gedanken befasst, verspürt gewiss eine Art von Hoffnungslosigkeit, die Situation scheint geklärt und aussichtslos. Ja, Ok. Wir sind blind, wir sehen nur Schatten. Fertig. Die gute Nachricht: Jeder von uns ist da, wo er sich gerade befindet, in seinem Leben, auf dem vollkommen richtigen Weg. Vollkommen.

Wir sind das Licht

Wir sind nicht nur nicht die Gefangenen, die lediglich Schatten sehen, wir sind auch nicht die Figuren der Wirklichkeit, die diese Schatten werfen, sondern wir sind die Ursache, wir sind das Feuer. Die Liebe. Nicht umsonst ist das Feuer das Element des Anahata Chakra – des Herz Chakras. In jedem von uns brennt dieses Licht und wir sind hier, um unsere Schatten hin zu unserem eigenen Licht, das das Licht der Schöpfung ist, aufzulösen.

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